Page 52 of No. 26, 2004 of Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Auf Tuchfühlung | Zuerst Tänzerin, jetzt Designerin: Claudia Hill bewegt sich elegant an der Grenze zwischen Mode und Kunst – mit intellektueller Kleidung für den Alltag. | Von Anke Schipp | Einer ihrer ersten Entwürfe war eine Hose. Damals war Claudia Hill zehn oder elf Jahre alt und hatte das Nähen von ihrer Mutter gelernt. Im nachhinein könnte man sagen, daß sich damals schon ihr Weg vorzeichnete, denn die Herangehensweise an das Kleidungsstück war ausgesprochen konzeptionell: Statt zwei Taschen auf die Hinterseite zu nähen, bepflasterte sie die Hose von oben bis unten komplett - mit Taschen. Ein kleines Kunstwerk und dennoch alltagstauglich.  | Galerie oder Boutique? | Mehr als zwanzig Jahre später sitzt Claudia Hill in einem leeren großen Raum. Der Blick auf die Straße ist verwehrt, weil das Schaufenster mit Buttermilch bestrichen ist. "Den Tip haben mir Galeristen gegeben", sagt sie entschuldigend, "damit man nicht reinsehen kann. Das kommt zur Eröffnung wieder ab." Ihre zarte Stimme hallt verloren durch den Raum. In wenigen Tagen werden hier lange Bänke, Faltmöbel und eine kreisförmige Umkleidekabine stehen, die aus vielen weißen Hemden besteht. Es kann gut sein, daß sich mancher verirrt, weil er die Boutique von Claudia Hill für eine Galerie hält.  | Die Designerin wird es nicht übelnehmen. Im Gegenteil. Mit großem Bedacht hat sie die Ausstattung und den Ort für ihren Laden gewählt: Auguststraße, Berlin-Mitte, inmitten der Kunstszene, Wand an Wand mit der Galerie "Eigen+Art". So ist schon geographisch markiert, was die Entwürfe von Claudia Hill ausmachen: Sie bewegen sich im Grenzland zwischen Mode und Kunst, zwischen Funktion und Konzept. Sie macht, wenn man so will, tragbare Skulpturen, intellektuelle Alltagskleidung. | Eine zu enge Welt | Am Anfang stand die Kunst. Das kleine Mädchen, das in einem fränkischen Dorf bei Erlangen über der Nähmaschine gebeugt saß und wilde Hosen nähte, träumte sich heraus aus der beschaulichen Welt. Ihre Phantasien aber hatten nichts mit Mode zu tun. Claudia wollte Tänzerin werden. Nach einer kurzen Stippvisite in Würzburg folgte nahtlos die große, weite Welt: In New York studierte sie Tanz - und erlebte ihre erste Enttäuschung.  | Sie erkannte schnell, daß sie nicht gerne auf der Bühne, das heißt im Mittelpunkt stand. Und daß ihr auch diese Welt zu eng war. Ein abgeschlossenes System. "Tänzer tanzen vor allem für sich und suchen nicht den Kontakt zu anderen Welten, zur Popkultur oder zur Kunst", sagt sie heute. | Eigene Mode war eher Zufall | Claudia Hill machte weiter mit dem, was sie von ihrer Mutter, einer Schneiderin, gelernt hatte: mit Nähen. Sie belegte Kurse an New Yorker Modeschulen und begann nach und nach ihre zwei Welten miteinander zu verweben: Mode und Kunst. Zunächst schneiderte sie für befreundete Tänzer, dann arbeitete sie als Assistentin einer Kostümbildnerin, dann entwarf sie eigenständig für Tanz- und Theaterproduktionen. Schließlich machte sie ihre eigene Mode. Ein Zufall, sagt sie heute lapidar. Ein Freund sprach sie auf die Kleider an, die sie selbst nähte und trug - um sie in seinem Laden zu verkaufen.  | Dann ging alles ganz schnell: die erste eigene Kollektion, die erste Präsentation bei der New Yorker Modewoche. Den Traum, einen eigenen Laden zu eröffnen, kann sie sich erst in Berlin erfüllen, auch aus finanziellen Gründen. Berlin ist für sie die milde Version von New York, "auch eine unfertige Stadt, die nicht perfekt ist wie Paris oder so, sondern stets im Umbruch". In New York hatte sie genug vom täglichen Kampf ums Überleben. In Berlin atmet sie durch. | Haltung bewahren | Zurücklehnen kann sich die 35 Jahre alte Designerin allerdings nicht. Ihre Ringe unter den Augen zeugen davon, wie anstrengend die letzten Vorbereitungen vor der Eröffnung sind. Als Tänzerin bewahrt sie dennoch Haltung: Auch nach einer halben Stunde Gespräch sitzt sie kerzengerade im Schneidersitz auf der Fensterbank. Später wird sie für ein Fernsehteam den Bürgersteig auf- und ablaufen, fast schwebend, leicht lächelnd, irgendwie entrückt. Oder diszipliniert. | In gewissem Sinne ist diese Haltung der Stoff, aus dem auch ihre Mode ist. Manche ihrer Entwürfe wirken wie flüchtige Gebilde, die kurz davor sind, sich in Luft aufzulösen oder die sich langsam verändern, nie aber aus der Form laufen. Eine fast asiatische Haltung - Japan ist auch das Land, das sie am stärksten inspiriert. | Fremde Formen und eigenes Körperbewußtsein | Wenn Claudia Hill entwirft, hat sie nicht das Bild einer Frau im Kopf, sondern abstrakte Formen, die sie in Kleidung uminterpretiert und so Silhouetten jenseits der Körperformen schafft. Ihre Kleidungsstücke seien manchmal wie Häuser, und zwar, "weil sie wie architektonische Gebilde sind mit geometrisch klaren Linien und kleinen Fenstern, die Blicke auf Körperdetails freilegen, aber auch, weil sie ein Gefühl von Verborgenheit vermitteln." | Ihr Schaffensprozeß gleicht dem eines Künstlers: Zuerst hat sie ein Konzept im Kopf. Auf den schwarzen, leicht gebogenen und spitz zulaufenden Kragen, der schon jetzt in ihrem Schaufenster ausgestellt ist, kam sie zum Beispiel beim Betrachten eines gezackten Blattes. Dann fängt sie an zu zeichnen und arbeitet an kleinen 3-D-Modellen, manchmal auch nur an einem Bleistift, "um zu sehen, wie ein Stoff fällt". Später näht sie einen Probeentwurf, den sie an sich selbst testet. Wichtig ist das Körperbewußtsein - in dieser Hinsicht ist die Designerin Tänzerin geblieben. Wie fühlt sich der Stoff an? Fließt er? Manchmal gefällt es ihr, wenn man den Stoff spürt, manchmal soll er nicht zu fühlen sein. | Das Recht der Kleider | Bisweilen kommt es aber auch vor, daß ihr plötzlich eine Idee zu konzeptionell und kompliziert erscheint und sie den Prozeß des Entwerfens abbricht. Vielleicht sind das die Momente, in denen sie wieder zur reinen Kunst zurückkehrt. Im vergangenen Jahr entwarf sie die Kostüme für das Frankfurter Ballett und in diesem Frühjahr für die New Yorker "Wooster Group". "Beim Entwerfen von Kostümen kann man extremer sein", sagt sie. Schließlich sollen sie dem Träger eine neue Identität geben. "Normale Kleidung aber soll die Identität des Trägers unterstützen und muß alltäglich bleiben." | Vermutlich bewegt sich Claudia Hill auch in beiden Welten, um sich in keiner zu verlieren - besonders nicht in der oberflächlicheren von beiden. Bis heute erscheint ihr die Welt der Mode suspekt. Sie zweifelt an dem Prinzip, ständig Neues liefern zu müssen, neue Ideen, neue Trends, neue Schnitte. Ihre Entwürfe, die bis zu 1200Euro kosten, haben ein langes Leben vor sich, weil sie nicht nach einer Saison entsorgt werden. "Kleider haben das Recht, viele Jahre lang getragen zu werden", sagt sie forsch. Bei Claudia Hill gibt es eine Grundkollektion über mehrere Saisons hinweg, die mit modischen Einzelteilen ergänzt wird. | Bricht das Eis in Berlin? | Zur Eröffnung ihres Ladens wird sie gefrorene Kleidungsstücke präsentieren, die während des Abends auftauen. Sie spricht von der "Transformation" der Entwürfe, die sie daran interessiere. Aber auch davon, daß ihr manchmal Zweifel kommen, ob ihre Mode in Berlin funktioniert. Sie weiß, daß Berliner Design eigentlich schrill und mit dem Markenzeichen "trashig" versehen sein sollte. Leise Töne können hier leicht untergehen. Ein Experiment. Aber vielleicht geht das Konzept ja auf. | Fotos: Hersteller, Matthias Luedecke |