Frankfurter Allgemeine Zeitung

Clipping from the April 26, 2003 Issue

Kleidung, nicht Kostüm | Die Modedesignerin Claudia Hill hat Forsythes „Decreation” ausgestattet / Uraufführung am Sonntag | Daß William Forsythes neues Ballett „Decreation” heißt, hat sich auch in Claudia Hills Kostümen niedergeschlagen. Aus dem Fundus, aus fertigen, von ihr veränderten Kleidungsstücken und aus Teilen ihrer eigenen Kollektion hat die 34 Jahre alte Mode- und Kostümdesignerin nun ihre erste Ballett-Ausstattung zusammengestellt. Am Sonntag hat das neue Forsythe-Stück im Bockenheimer Depot seine Uraufführung. Zerfasert, aufgetrennt, ein wenig aufgelöst, wie es der Titel „Decreation” nahelegt, wird die Kleidung der Tänzer sein. „Normalerweise verarbeite ich ganz perfekt – hier ist nun alles ganz roh”, erklärt die schmale junge Frau. „Es ging darum, Dinge, die einmal da waren, zu entfernen, so daß nur noch die Basis übrigbleibt. Dann kann man daraus etwas Neues machen. ” Gerade hat sie an einer Tänzerin eine Hose abgesteckt: Bis zum Schluß muß noch das eine oder andere geändert werden. Die Sicherheitsnadeln hat Hill an ihre Jeans geheftet, um sie griffbreit zu haben. | Mit wenigen Pausen hat sie den Probenprozeß zu Forsythes neuer Arbeit miterlebt und parallel dazu in der Schneiderei die Kostüme erstellt. Obwohl es sich genaugenommen nicht um „Kostüme" handele, sagt Claudia Hill und lächelt. Es sei Kleidung für Tänzer. Und als sie angefangen habe, sie zu entwerfen, habe sie außer dem Titel noch gar nichts über Forsythes Stück gewußt. Einig sei sie sich mit dem Choreographen über die generelle Linie gewesen: „Es geht um Alltäglichkeit”, sagt Hill, die nur Sachen entwerfen will, in denen sie sich selbst auch wohl fühlen würde. | Ihre „Decreation”-Modelle sehen fragil aus: ein Oberteil, das aus einem Ärmel gefertigt ist. Baumwollhemden in blassem Rosa, deren Taschen wie mutwillig herausgeschnitten aussehen und deren Ärmel durch diejenigen eines T-Shirts ersetzt sind, die Nähte nach außen gewendet. Eine blaue Hose, deren Kniepartie seltsame Falten wirft, aus Hills eigener Kollektion. Dazwischen liegen in der Garderobe des Bockenheimer Depots einige steife Tüllkragen und Manschetten aus dem Fundus des Balletts Frankfurt. Claudia Hill hatte sie zu einer Probe mitgebracht, in der es um „Pseudohistorisches” ging: „Es paßte einfach.” | Vor einem Jahr etwa hat Hill William Forsythe Ausschnitte aus ihrer Arbeit zugeschickt. Prompt schlug er ihr eine Zusammenarbeit für „Decreation” vor. Damit ist Hill, die in ihren Modeschauen lieber Tänzerinnen als Models engagiert und selbst einmal in New York modernen Tanz studiert hat, ein wenig zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt: Mit Kostümassistenzen und Kostümdesign hatte sie Anfang der neunziger Jahre begonnen, bevor sie Modedesignerin wurde. Seit mehr als fünf Jahren entwirft sie nun ihre eigene Mode, die in kleiner Auflage entsteht und vor allem in Japan und in New York verkauft wird. Mit einer japanischen Partnerin hat sie eine T-Shirt-Kollektion entwickelt: „Irgendwann hatte ich keine Zeit mehr für Kostüme. ” Doch immer wieder suche sie Kontakt zu anderen Künsten. Von Forsythes Balletten sei sie schon früher begeistert gewesen, die Zusammenarbeit habe ihr Spaß gemacht. Nun hofft sie auf weitere Projekte in Ballett und Theater. Selbst noch einmal mit dem Tanzen anzufangen, kann sie sich nicht vorstellen. Sie habe ihre eigene Kreativität gefunden. Aber ein wenig neidisch, das gibt sie zu, sei sie schon auf die Tänzer gewesen: „Die haben jeden Tag ihr Training, während es bei mir nicht einmal mehr zu Yoga reicht.” | EVA-MARIA MAGEL | Die Uraufführung von „Decreation” ist am 27. April um 20 Uhr im Bockenheimer Depot. | Zerfasert, aufgetrennt, aufgelöst: Claudia Hills Vorstellung von „Decreation” | Foto: Wonge Bergmann |

Clothing, Not Costumes

Fashion designer Claudia Hill outfits Forsythe’s “Decreation”/ Premiere on Sunday

The name of William Forsythes new ballet “Decreation” has also found its way into the costumes of Claudia Hill. The 34 year old fashion and costume designer has put together her first ballet accoutrement using items from the lost and found box, mass produced clothing which she has personally altered, as well as part of her own collection. On Sunday, the new Forsythe/piece has its premiere in the Bockenheimer Depot. The clothing on the dancers, as the title “Decreation” suggests, will be frayed, ripped and slightly falling apart. “Normally I work towards absolute perfection with my clothing, but here everything is left very raw” the delicate young woman explains. “The idea is to separate things that once were, so that only the basic parts remain. Then it is possible to make something new from it.” At the moment she has just finished unpinning the pants on a dancer: up until the end, one thing or another will have to be changed. Hill has pinned the safety pins to her jeans in order to have them quickly at hand.

With few breaks in between, she has witnessed the rehearsal process of Forsythe’s new work and parallel to this has created the tailored costumes. Though to be more precise it isn’t about costumes, says Claudia Hill and laughs. It is clothing for dancers. And as she began to create them, she didn’t know anything about Forsythe’s piece except the name. She agreed with the choreographer about the general line “It’s about the everyday” says Hill, who only creates things that she herself would feel comfortable wearing.

Her “Decreation” designs look fragile: such as the top which was made out of a sleeve. There are cotton shirts in pale pink, whose pockets seem to be willfully cut out and whose sleeves are replaced with those of a T-shirt with the stitching on the outside. There is also a pair of blue pants, from Hill’s own collection, which cast odd folds at the knees. Lying throughout the wardrobe of the Bockenheimer Depot are a few stiff lace collars and cuffs from the lost and found of the Frankfurt Ballet. Claudia Hill brought them to a rehearsal which revolved around the theme “pseudo historical”: “it just fit”.

About a year ago Hill sent Forsythe examples of her work. He quickly suggested a co-operation for “Decreation”. And thus Hill, who prefers to use dancers rather than models in her fashion shows and once studied modern dance in New York, has returned to her roots: She started out in the early 90’s as a costume assistant and designer, before she began creating her own fashions, which are produced in small circulation and are sold among other places, in Japan and New York. With a Japanese partner she created a T-shirt collection: “At some point I just didn’t have any more time for costumes.” She is, however, always looking for contact to other artists. She has always been fascinated by Forsythe’s Ballets and the co-operation was fun for her. Now she hopes for further projects in ballet and theater. However, she can’t imagine ever going back to dance herself. She has found her own creativity. She does admit that she is slightly jealous of the dancers: “They have their training everyday, while I can’t even make it to one Yoga class a week.”