Frankfurter Neue Presse

Clipping from the April 14, 2003 Issue

Die aparte Claudia zieht Forsythes Tänzer an | Von Wiebke Fey | Frankfurt. Vor der Probe im Bockenheimer Depot: Auf der Bühne des TAT zu ebener Erde bringt sich William Forsythes Tanz-Team in Schwung und dehnt die Muskeln. Man genießt die Pause zwischen Training und Probenbeginn. Gestern war es spät geworden, ein harter Arbeitstag. Auch der Chef tänzelt in kleinen, eleganten Pirouetten über den schwarzen Boden und trällert ein paar Takte aus der Nussknackersuite, während er einen kleinen roten Ball auf dem Kopf balanciert. | Doch hier geht es nicht um Tschaikowsky, sondern um moderne Musik und modernes Ballett. Hier wird für eine Uraufführung geprobt. Forsythe choreografiert das Ballett „Decreation“ von Thom Willems, dem Spezialisten für elektronische Musik. Mit ihm hat Forsythe schon mehrfach zusammen gearbeitet. Premiere der neuesten Inszenierung ist am 29. April. Es handelt sich um eine Koproduktion des Balletts Frankfurt mit dem Lincoln Center for the Performing Arts in New York. | Neu im Bunde ist die Kostümbildnerin Claudia Hill (34), die lange in New York lebte und jetzt zwischen Frankfurt und Berlin hin und her pendelt. Unterkunft hat sie in einer Gästewohnung des Theaters in Sachsenhausen gefunden. Von Haus aus ist die Kostümbildnerin eigentlich Modedesignerin, und in Frankfurt gibt sie jetzt ihr Bühnen-Debüt. Geboren wurde sie in Erlangen, doch hat sie etliche Jahre in den USA gelebt und dort nicht nur eine tänzerische Ausbildung gemacht, sondern später auch im modischen Design gearbeitet. Wie das Leben so spielt: Nun hat sie Gelegenheit dazu, beides mit einander zu verbinden. Sie weiß schließlich aus eigener Erfahrung bestens, was der Tänzer tragen mag und sollte. | Doch hier in Frankfurt liegen die Dinge ein wenig anders als auf dem Gebiet der Mode oder auch im klassischen Theater. Perfekte Kostüme wird Claudia Hill, die sich auch in Tokioeinen Namen gemacht hat, nicht liefern. Überhaupt: Das Wort Kostüm missfällt ihr sowieso in diesem Zusammenhang. Sie orientiert sich am Titel der neuen Produktion. „Decreation“ – das Wort gibt es zwar nicht – aber es weist hin auf reduzieren, entfernen. „Dinge wegnehmen“, sagt die mit Jeans und T-Shirt bekleidete Claudia Hill. | Die Bühnenkleider, die sie zu Hause in Berlin oder in der Theaterwerkstatt der Städtischen Bühnen entwirft, sind in der Tat sparsam. Wie sieht eine auf das wesentliche beschränkte Hose aus? Sie ist auf Taschen und Bund reduziert. Umfunktioniert ist auch das weiß-blau-gestreifte Herrenhemd, das zu einem ausgefransten Oberteil für eine Tänzerin wurde. Oder das Arbeiterhemd, das sie in einer Halle in Brooklyn fand und dessen Fragmente nun mit feinen Biesen versehen sind. Oder der Minirock, den sie zerknüllt, zerschnitten und dann wieder gestopft hat. Alles ist „leicht auf dem Weg, auseinander zu fallen“. Aber das will die Designerin so. | Wahrscheinlich werden all diese 30 Stücke (je zwei für die 15 Tänzer) Bestandteil der neuen Inszenierung sein. Ganz sicher ist sich die Designerin, die auch als Konzeptkünstlerin gilt, aber nicht. Denn vieles kann sich im Laufe der Probenzeit noch anders entwickeln. Die Inszenierung hat keine Geschichte, keine Handlung, keinen roten Faden. „Der Arbeitsprozess ist das Wesentliche, er gibt die Freiheit für die Entwicklung“, so Hill. Natürlich, schränkt sie ein, müsse das Endprodukt schließlich auch vor Publikum gezeigt werden. So sei das nun mal. | Publikum: Das ist übrigens der Grund, weshalb die zierliche Person mit dem Fransenkopf nicht selbst auf der Bühne zu sehen ist. Im Rampenlicht vor anderen zu stehen, sei nichts für sie. Das tun nun spätestens am 29. April ihre Kleider, die während der Proben an einem Ständer neben der Bühne hängen und auf einen versuchsweisen Einsatz warten. Denn sie sind ebenso Mitwirkende wie die Tänzer und die Musik. Und ihr Einsatz ist variabel. | Manche der Kleiderfragmente waren im Rampenlicht schon mal früher zu sehen. Spitzen und Brokat stammen aus dem Theaterfundus. Neue Stoffe mag sie nur, wenn sie „normale“ Mode macht. Jetzt schätzt sie Material, „in dem schon mal gelebt wurde“. Das Rüschenjabot gehörte wahrscheinlich zu einem Rokokokostüm. Jetzt darf es zum Kragen werden, zum Top oder auch zum Hut. Je nachdem, wie die Geschichte ausgeht … |