Frankfurter Rundschau

Clipping from the April 25, 2003 Issue

Claudia Hill und einige ihrer Kleiderstücke. (Bild: Rolf Oeser) | Nicht fertig werden | Kostümbildnerin Claudia Hill benutzt fürs neue Forsythe-Stück „Decreation” ausschließlich gebrauchte Materialien | Von Silke Hohmann | „Ich hab mir schon seit Jahren keine Kleidung mehr gekauft”, sagt Claudia Hill und rückt ihr asiatisch anmutendes, schräg gewickeltes Oberteil aus indigoblauer Baumwolle zurecht. Wenn sie ein T-Shirt brauche, dann nähe sie eben an einem ihres Mannes herum, bis es passt. | Sie ist unspektakulär gekleidet mit ihrem schmalen Rock und den Halbschuhen zu blickdichten Strümpfen. Genau genommen sieht es so aus, als ob Claudia Hill sich überhaupt nicht für Mode interessiert – was für eine Modedesignerin allerdings ziemlich ungewöhnlich wäre. Aber auf gewisse Weise stimmt es. Denn das, was die Berlinerin gerade den Tänzern des Ballett Frankfurt auf den Leib schneidert, ist den Prinzipien der Modewelt demonstrativ abgewandt. Es gibt kein Gestaltungsraster, keine wiederkehrenden Formen, keine spezifischen Materialien, nicht einmal ein eingängiges Farbkonzept. Und genau das korrespondiert bestens mit dem Konzept des neuen Stücks von William Forsythe. | Decreation ist die tänzerische Umsetzung einer Oper der kanadischen Autorin Anne Carson – ein Stück, das nicht im üblichen Sinne fertig wird. Dabei ist Decreation ein Wort, das es nicht gibt. Im Wörterbuch müsste es eigentlich zwischen „decrease: (sich) vermindern” und „decree: beschließen, verordnen” zu finden sein, und das wäre auch inhaltlich eine gute Platzierung für das Kunstwort, das ein Rückgängigmachen von schöpferischen Gesten bezeichnen soll. „Es geht um das nicht Perfekte, um etwas im Übergang Befindliches”, versucht Claudia Hill die Interpretationspunkte in Worten zu fixieren, an die sie sich bei ihrer Arbeit gehalten hat. | Dabei fallen neben dem Titel noch andere künstliche Begriffe, zum Beispiel „nothingness”. Beschreibungen für etwas Vages, nicht Festlegbares, das nach Ansicht der Berlinerin genau zum aktuellen Zustand passt – sowohl zum allgemeinen, als auch zum Zustand des Balletts, das sich bald in Auflösung befinden wird. Aber ihre Kostüme sollen kein selbstreferenzieller Kommentar auf die Situation Forsythe/ Frankfurt sein. Es geht nicht darum zu werten, sondern die Geschichte auf einer zweiten Ebene weiter zu schreiben. Ihre Mittel dafür sind Objekte aus dem Fundus, Second-Hand-Klamotten aus einem New Yorker Wohlfahrtsladen, und einige eigens angefertigten Stücken nach bereits vorhandenen Schnitten und Stoffen. | Die Umwidmung des Vorhandenen, das Weitermachen an etwas ehemals Fertigem, hat keinen Glamour. Dafür entwickeln die Kostüme eine spröde Poesie. Die ehemalige Anzughose zum Beispiel, die von Claudia Hill mit radikalen Eingriffen von jeder Hosigkeit befreit wurde: Übrig ist nur der Bund mit Gürtelschlaufen, den Taschen und ein paar Nähte, die nichts mehr haben, das sie zusammenhalten könnten. Getragen wird das Stück mit einem weißen Unterrock, der aus einem Herrenhemd aus der Altkleidersammlung gefertigt wurde. „Das Motiv ist: eher arm”, beschreibt Claudia Hill den gestalterischen Ansatz – genau das Gegenteil dessen, womit sie in New York erfolgreich Mode entworfen und verkauft hat. Da legte sie auf perfekte Verarbeitung und exklusive Materialien Wert. „Total konstruiert” nennt sie ihre Kollektionen, die etwa bei Barney’s in New York verkauft wurden. | Bei ihrer Arbeit mit dem Ballett Frankfurt, für die sie sich bei Forsythe ganz regulär mit einer Mappe beworben hatte, ist jetzt ein Perfektionismus zweiten Grades gefordert. Denn gerade bei all dieser Freiheit, die gestalterisch und inhaltlich besteht, ist ein konzeptionelles Gerüst wichtig, das vor Beliebigkeit bewahrt. „Ich habe bei einigen Stücken schon an spezielle Personen des Ensembles gedacht”, erzählt Claudia Hill von der wechselseitigen Beeinflussung zwischen Kostüm und Tanz. „Wenn ich die Dinge in die Proben mitgebracht habe, wurden sie dann aber manchmal von den Tänzern ganz anders aufgefasst und getragen. ” Ein Chiffonrock zum Wickeln zum Beispiel kommt jetzt voraussichtlich als Halstuch zum Einsatz, ein total dekonstruiertes T-Shirt wird nicht, wie geplant, als Neckholder getragen, sondern seitlich mit Trägern wie ein Unterhemd. | Ablassen von bereits gefassten Entschlüssen - auch das ist Teil des stets über das Geplante hinaus gehenden Prozesses von Decreation. | ▪ Premiere ist am 27. April, 20 Uhr, im Bockenheimer Depot. Sämtliche Vorstellungen bis Mitte Mai sind bereits ausverkauft. Die Wiederaufnahme ist für September geplant. |